Ausstellung

Mocmoc - die Legende

Der irrwitzige Kunststreit rund um die Skulptur "Mocmoc" der Künstlergruppe Com&Com spaltete dieses Jahr nicht nur die Bodenseegemeinde Romanshorn, sondern auch weite Teile der Schweizer Kulturlandschaft. Schliesslich musste gar eine Volksabstimmung über den weiteren Verbleib des Denkmals entscheiden.

Doch wer oder was ist Mocmoc? Das ist ein rund 5,5 Meter hohes Denkmal auf dem Bahnhofsplatz von Romanshorn, erschaffen von Com&Com. Das Kunstwerk etablierte eine Legende, die dem Ursprung von Romanshorn einen Hauch von Mystik verlieh, hatte Event-Potenzial und wurde mit einem fertigen Standortmarketing-Konzept inklusive Merchandising-Palette angeboten. die Mocmoc-figur avancierte schnell zum Liebling aller Schulkinder. Eine Hörspiel-CD, Mocmoc-Songs und diverse Merchandising-Artikel festigten seine Position im Kinderzimmer. Doch der Aufmarsch der Gegner folgte schnell, denn Kunst im öffentlichen Raum polarisiert. Ein Lokaljournalist enthüllte, dass die Legende von den Künstlern frei erfunden war. Es entbrannte ein rund acht Monate dauernder Kunst- und Politstreit, der das Dorf spaltete. 400 Medienberichte, 13 Einsprachen, 2 Rekurse und 1 Mediation später schritt man in Romanshorn im Mai 2004 zur Urne. Bei der höchsten Stimmbeteilung aller Zeiten sprachen sich die Bürgerinnen und Bürger von Romanshorn mit nur knappen 205 Stimmen Unterschied für den Verbleib von Mocmoc auf dem Bahnhofsplatz aus. Figur und Legende hatten damit die Weihe der Schweizerischen Demokratie erhalten. Mocmoc ist längst real geworden, hat seine eigene Geschichte bekommen.

Mocmoc Zch

An Mocmoc kristallisieren sich aber auch eine ganze Reihe von zentralen Fragen der zeitgenössischen Kunst und Gesellschaft: Wem gehört der öffentliche Raum? Wer entscheidet über die Gestaltung des öffentlichen Raumes? Wie relevant kann und darf Kunst gegenüber der Gesellschaft sein? Wie weit darf man die Gesellschaft zur Partizipation auffordern oder instrumentalisieren? Was ist eine soziale Skulptur? Welche Ausdrucksmittel stehen der zeitgenössischen Kunst zur Verfügung? Wo ist der angemessene Ort für zeitgenössische Kunst?

Im Cabaret Voltaire werden erstmalig in der Deutschschweiz Arbeiten (Installation, Zeichnung, Film) zum Projekt Mocmoc ausgestellt.
Der begleitende Katalog äussert sich vielschichtig zu Mocmoc und allgemeinen Fragen und Problemstellungen der zeitgenössischen Kunst im öffentlichen Raum.

Vernissage: Donnerstag, 2. 12. 04, ab 19:00 Uhr
20:00 Uhr: screening Dokfilm „Mocmoc, das ungeliebte Denkmal“ von Andreas Göldi
anschliessend Podiumsdiskussion mit Martina Koch, Tirdad Zolghadr und Com&Com

Weitere Informationen, Texte und Bilder finden sie unter: www.mocmoc.ch

Ausstellungsdauer: 2.12.04 - 23.1.05, Öffnungszeiten: Di-Sa 13-19 Uhr, So13-18 Uhr

Ausstellungskritik
"Neue Zürcher Zeitung", 15.12.2004, von: Daniele Muscionico
Kunst ist eine Legende
Zürich hat den Hirschhörnchen-Skandal im Dada-Haus

Wer glaubt, das mit staatlicher Hilfe wiederauferstandene Cabaret Voltaire sei bis dato eine Leiche geblieben, hat Recht - und muss nun umdenken: Die Leiche lebt! Eine Ausstellung von Com & Com erinnert an den irrwitzigen (Kunst-)Streit diesen Sommer in Romanshorn. Was Hirschhorn in Paris kann, können Zürichs Post-Dadaisten genauso.
Wo Kunst draufsteht, ist nicht unbedingt Kunst drin. Wer darüber empört ist, ist ein Heuchler, denn er behauptet, von den Strategien der Werbung unbeleckt zu sein. Kunst ist nichts anderes als das Werturteil, das sich durchgesetzt hat. Das weiss, wer ein Urinoir ins Museum bringt; das wussten die Dadaisten. In diesem Sinn ist auch der Künstler Thomas Hirschhorn ein unbewusster Dadaist, und man sollte ihm nahelegen, in Zürich Asyl zu beantragen. Denn was in den Ausstellungsräumen des Dada-Hauses - unter dem Bekenntnis «Provokation» - gegenwärtig zu sehen ist, davon könnte sich der Ungeliebte eine fette Scheibe abschneiden. Im reanimierten Cabaret Voltaire werden, erstmalig in der deutschen Schweiz, die Reliquien des (Kunst-)Streites präsentiert, der diesen Mai in Romanshorn zu einer Volksabstimmung geführt hatte - und daselbst zur höchsten Stimmbeteiligung aller Zeiten. Kunst, ein Demokratisierungsprozess.
Das Skandalon war eine hässliche Skulptur und trug einen Namen: Mocmoc - leicht entschlüsselbar als Com & Com (für Commercial Communication), 1997 von Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger als Label gegründet, das die vorhandenen Kommunikationswege parasitär benutzt, um Inszenierungen von Original und Fälschung zu placieren. «Andere malen auf Leinwände, wir produzieren Zeitungsartikel oder TV-News.» Der erste Film von Com & Com, «C-Files: Tell Saga», etwa war ein Trailer zu einem nicht existenten Spielfilm; er wurde 2001 an der Biennale in Venedig gezeigt, und der Song zum Video, koproduziert mit Dieter Meier, landete in den Top 10 der Schweizer Charts. Mit dem Mocmoc, den Com & Com im Rahmen eines öffentlichen Wettbewerbs für den neu gestalteten Bahnhofplatz in Romanshorn schufen, gelang ihnen 2003/04 - in den Medien - der internationale Durchbruch. Denn um den gelbgrünen Zwitter zwischen Pokémon und gehörnter Biene Maja (der schnell zum Liebling aller Schulkinder avancierte) etablierten Com & Com die Gründungslegende von Romanshorn - sie wurden dafür von Lokalhistorikern gerühmt und von Kommunalpolitikern beglückwünscht. Dass sich die Legende alsbald als freie Erfindung entpuppte, gehörte mit zum Rollenspiel der Agents Provocateurs und ihrer Strategie von Verführung und Manipulation.
Im Dada-Haus sind die verbrieften Restanzen der Mocmocschen Krisenkunst zu sehen: ein von Andreas Göldi gedrehtes Doku-Feature, präsentiert auf Kaugummi-rosa Sockel; Merchandising- Artikel wie Gummibälle, die Com & Com zuhauf hergestellt hatten, sowie Kinderzeichnungen, die ebenso inflationär im Klassenzimmer produziert wurden. Mocmoc wurde in Romanshorn innert Kürze zu einer starken Marke, doch wofür? Für den fehlenden Diskurs über Identität, Kunst und mediale Mechanismen? Für das Bedürfnis nach Geschichten, Phantasie, Freiräumen? Für die Macht von Dada? Com & Com zeigen, dass es ein Leben nach Hans Arp und Tristan Zara gibt. Und wenn im Februar 2005 in Zürich ein Kind auf den Namen «Dada» getauft wird (von Com & Com mit 10 000 Franken belohnt), braucht man sich um die Nachfolgeregelung an der Spiegelgasse vielleicht tatsächlich nur mehr kleine Sorgen zu machen.