Impressionen Paris-Exkursion
Anbei noch die Weltwoche-Kritik zur mässig provokative Ausstellung "Dionysiac"
im Centre Pompidou und einige Fotos von der Exkursion.
Unbenanntes Dokument
Die Weltwoche; 24.02.2005, Nummer 8; Seite 77, Kritik, von
Stefan Zweifel
Ja, die haben ihr Glück erfunden
Machen wir uns nichts vor: Wir stehen mitten in einer kreativen Krise und am
Anfang eines Kulturkampfes. Der geniale Thomas Hirschhorn wird von der Rechten,
der kongeniale Oskar Freysinger von der Linken abgeschossen – und dazwischen
legt Pascal Couchepin seine Vision vor, künftig mehr in Jugendchöre
als in Opernhäuser zu investieren. Bei all dem politischen Hickhack verliert
man das poetisch Wesentliche aus den Augen: Was wollen wir eigentlich von der
Kunst? Und was kann Kunst heute?
Um Distanz zu gewinnen, tut vielleicht eine kleine Reise Not. Nach Paris. Dort
steht die Kunstmaschine Centre Pompidou ganz im Zeichen von Dada und Dionysos.
Im Herbst soll das radikale Nein von Dada historisch ausgeleuchtet werden, jetzt
fällt das Spotlicht auf das dionysische Ja. Die Ausstellung wird als «Gegenstück»
zu Dada angepriesen, als «Mittel gegen die Resignation», in die
die dadaistische Zerstörung aller überlieferten Werte führte.
14 Grossmeister zeigen ihre Hommage an Dionysos, den antiken Gott des Rausches
und der kreativen Ekstase.
Kein Aufwand wurde gescheut: Kolloquien im Vorfeld, Beizug von philosophischen
Spezialisten, viel Medien-Tamtam. Und so fand sich zur Vernissage alles ein,
was Rang und Namen hat: Pierre Bergé, Sammler und Doyen von Yves Saint
Laurent, beugte sich über Phalli aus Schafsfett, Hans-Ulrich Obrist, innovativer
Schweizer Kurator vom Centre-Pompidou-Konkurrenten Musée d'Art Moderne,
raste durch Hirschhorns Pappwelt, die Künstlerin Orlan trug ihre Auswüchse
an der Stirn zur Schau, die an das heilige Tier des Dionysos gemahnen, den Ziegenbock.
Alle waren da. Künstler, Kritiker und Kuratoren.
Denn das Einmalige und Riskante des Abends war, dass nicht die übliche
globale World-Soup gereicht wurde wie an Kunstmessen, sondern diesmal mussten
alle Künstler mit einer exklusiven Arbeit zu einem Thema antreten, das
ihr Werk endlich einmal überprüfbar macht. Überprüfbar am
Thema «Dionysiac» und an den Vorgängern und Vorbildern. Dass
sie dabei nie Nietzsches Radikalität erreichen, mag allein schon daran
liegen, dass der deutsche Philosoph, der 1870 Dionysos aus dem Unbewussten der
griechischen Antike ans Licht gezerrt hat, in Basel aus dem Staatsdienst flog,
vom Verleger nie bezahlt wurde und selbst von Freunden kein Mäzenatentum
akzeptierte, während hier der Staat wieder einmal Subversion subventioniert.
Das kann ja nicht gut gehen.
Oder doch? Die Kuratorin beteuert, dass sie die einzigen Aufrechten im Pop-Fun-Markt
ausmachte, um ein Widerstandsnest gegen die allgemeine Beliebigkeit zu bauen.
Echte Heroen also. Unbeugsam im Kampf gegen Geld und Ungeist. Leider hatte man
spontan das Gefühl, in den letzten Nummern von Parkett oder Tate Magazine
zu blättern, und stiess nur auf gängige Namen: Paul McCarthy, Jason
Rhoades, Maurizio Cattelan – und genau das wurde mehrheitlich geboten:
Mainstream. Dionysos-Design.
Nietzsche weckte den träumenden Tiger
Dionysos, das war eine Art antiker Punk, der aus dem prunksüchtigen Asien
in Griechenland einfiel; er verkörperte das ganz Andere, das Wilde: Mit
Weinbeeren gekrönt, konnte er sich an sich selbst berauschen, stampfte
«Eintagsreben» aus dem Boden, stürzte die Frauen in taumelige
Tänze, bis sie als Mordmütter ihre Kinder zerfetzten. Dionysos entfesselt
das Unbewusste. In seinem «Bocksgesang» klingt der Urschmerz nach,
es wogen «Wille, Weh und Wahn». Die Wildheit dieses Gottes der Musik
zähmte Apoll, Gott der Zahl und des vernünftigen Masses. Er legte
über das Chaos den Goldenen Schnitt der erhabenen Maske, so dass man sich
mit Schiller an der edlen Einfalt des klassischen Griechenlands laben konnte
– bis eben Nietzsche diese Maske herunterriss und den träumenden
Tiger weckte. Heute freilich ist das kein Skandal mehr – Dionysos ist
zum Markenzeichen auf Produkten des Hauses Versace verkommen, wo er uns von
Fruchtschalen und Handtaschen entgegenlächelt.
Aus Panik, in harmlosen Hedonismus zu verfallen, häuften die meisten Künstler
grelle Effekte: zerschlagene Weinflaschen vor spreizbeinigen Porno-Queens zwischen
Gummi-Parisern zeigt etwa Kendell Geers, der an der Vernissage mit einer Aktion
floppte: Die Besucher durften schäumenden Pommery-Champagner aus einem
Glas in Phallus-Form trinken. Ja, diese Kunst ist in der Tat nicht mehr als
ein PR-Gag.
Empfangen wird man nicht von einem roten Teppich, sondern einer rosa Fellzunge
der Gruppe Gelatin, die dem Besucher vier Meter lang entgegengestreckt wird.
Dahinter schaukelt ein Walross zwischen himmelstürmenden Schwänzen
auf dem Gemälde «Strassentheater». Die Strasse scheint die
letzte Zuflucht des Museums zu sein. Maurizio Cattelan, durch das Bild des von
einem Meteoriten erschlagenen Papstes berühmt geworden, tanzt als Kobold
Punki durch die Vernissage, ein knorriger Winzling, der brüllt und mit
Keulen jongliert – das wird auf dem Platz vor dem Museum von professionellen
Strassenkünstlern besser geboten, aber Dilettantismus ist Hype, und die
Keulen fallen Cattelan auf den Kopf – blopp.
Dann wieder bauschen sich alte Ideen ins Barocke auf und werden durch die Fülle
unscharf: Paul McCarthy und Jason Rhoades präsentieren zum dritten Mal
blaue Container mit der abgefüllten Scheisse der Besucher der letzten Documenta,
diesmal gekrönt mit Phalli aus Schafsfett – ein riesiger Raum, übersät
mit Fett-Phalli, zwei Videoprojektionen, die uns zeigen, wie sehr die Künstler
beim Herstellen Spass hatten, dazwischen die zerschnittenen Hefte zu Ehren von
Guy Debord, einem Pariser Künstler, der die «Gesellschaft des Spektakels»
anklagte – und sich einst, als ihn das Pompidou mit einer Ausstellung
ehrte, weigerte, einen Fuss ins Museum zu setzen, er lehnte es sogar ab, das
museale Spektakel heimlich in der Nacht zu besuchen. Ja, diese konsequente Haltung
kann man heute nur noch ironisch durchs Fett ziehen.
Rausch und Rascheln
Dionysos ist zum Glück für die Ausstellung ein doppelgesichtiger Gott,
der Gott des Rausches, aber auch des Raschelns. Im Herbst zieht er sich unter
dem Laub zu den Toten zurück. Er hat das Unbewusste durch Skandal ans Licht
gezerrt, nun überwintert er in der Unterwelt, unterhalb der Bewusstseinsschwelle,
in stillem Taumel über die Tragik des Lebens staunend. Hier liegt die tiefere
Weisheit des dionysischen Ja.
Nicht nur Künstler, jeder Mensch sehnt sich nach jenem Moment reiner Intensität,
wo die Gedanken so klar werden, dass das Gehäuse des Gehirns aus zerspringendem
Glas scheint, wo man beim Streifen einer Wange schon in der Tiefe des fremden
Körpers versinkt wie in einem wollüstigen Traum. «Verzückungsspitze»
nannte Nietzsche dies. Momente von solcher Schönheit, dass man zu allem
Gewesenen und Kommenden ja sagt, dass man sogar die ewige Wiederkunft aller
Schmerzen in Kauf nimmt für diese eine Glückssekunde. «Alle
Lust will Ewigkeit», schrieb Nietzsche. Nur auf Zuckerpäckchen meint
diese Formel die kleinbürgerliche Vorstellung, schöne Augenblicke
mögen ewig dauern. Nein, sie sollen blitzaugenblicklich aufgleissen und
wieder im ewigen Dunkel verschwinden, sie sollen so entsetzlich schön sein,
dass man um ihretwillen die ganze restliche Mühsal wieder und wieder durchleben
will. Die bildende Kunst kann dem Phänomen «Dionysiac» gerade
nicht mit Sperma und Kotzorgien gerecht werden, sondern nur mit sanfter Ekstase.
Die führt uns zum Glück Fabrice Hyber vor: Zarte Zeichnungen flirren
auf Bildschirmen, Trauben verwandeln sich in skizzierte Kreise, auf Aquarellen
sammeln sie sich als Tropfen zu Wolken, spreizen sich zu Möwen auf, werden
zum rieselnden Bach, aus dem Lachse in die Tatzen von Bären springen –
eine Hymne ans Leben als Kreislauf des Ephemeren.
Ganz still dann wird es bei Christoph Büchel: Zwar recycelt auch er einen
alten Einfall – wieder einmal liess er eine Band in einem Container spielen
und fror dann alles ein, aber durch den Bezug auf den unterweltlichen Dionysos
gewinnt die Installation urweltliche Tiefe. Man tritt bei minus 24 Grad Celsius
in eine gespenstische Eislandschaft: auf dem Boden die Pauke wie eine enthäutete
Bärentatze, das Mischpult als Eisscholle des virtuellen Klangs, Bierflaschen
als klirrkalte Kristalle, und über allem schwebt die Disco-Kugel wie ein
Eisplanet. So «klingt» vielleicht die orphische Dimension von Dionysos,
der in der Unterwelt überwintert, bis er im Frühjahr zurückkehrt,
bekränzt mit Efeu, dessen Wurzeln unter der Schneedecke wuchern. Ein Wintermärchen
voll stiller Poesie. Nie wurden so beklemmend Nietzsches «Dionysos-Dithyramben»
vertont: «Oh todtenstiller Lärm.»
Leider holt uns um die Ecke eine Jukebox mit Rocksongs in die Welt zurück,
wo Dionysos nur noch als DJ Platz hat. Hyber und Büchel wirken wie ein
Betriebsunfall. Zu sehr setzten die Kuratoren auf lautes Spektakel und haben
deshalb auch diese Jukebox installiert und alle Künstler gebeten, ihre
Favorites aus Rock und Pop auszuwählen. Hirschhorn verweigert sich dieser
Zumutung: «Ich bin ein Künstler, ich will ein Künstler sein.
Ich bin kein DJ, ich will kein DJ sein.» Diese Verweigerungshaltung sollte
Schule machen. Mit ihr knüpft Hirschhorn an Dada an und bekennt, die Fotos
aus der Dada-Zeit seien das Einzige, was ihm heute noch Mut mache. Mut zu einem
komplexen Werk, dem nur die andern den mediengeilen Skandal aufsetzen. Kunst
als Erdenken eines eigenen Weges, eines Verweigerungsweges.
Widerstand im Nietzschewo
«Nietzsche in Basel.» So hiess eine «Streitschrift»
des Dadaisten Hugo Ball und hätte auch «Ball in Zürich»
heissen können: Wie Nietzsche wollten die Dadaisten die Leichenstarre der
bürgerlichen Kultur in einem Laut- und Lustkrampf abschütteln, ihre
Wut und Lebensgier herausschreien als Vokalgedicht ohne jeden Sinn, dafür
voll Stimm-Sinnlichkeit – in der Hoffnung, aus den Trümmern der alten
Kultur möge eine Kunst entstehen, die nicht Freizeit, sondern Echtzeit
ist.
Hugo Ball griff alle an, die Nietzsche «humanisieren» und das Unheimliche
verniedlichen wollten. Niedlich aus reinem Neid. Neid, dass da einer Mut zu
sich selber hatte und aus dem System ausbrach. Ball ahnte schon, dass auch Dada
bald zum Abziehbild würde. Wer heute auf Dada macht, ist ein Spiesser,
der genau das macht, was ihm seine Lehrer an der Kunstschule beibrachten –
deshalb wurden auch die «Zürcher Dadawochen 2005» zu einem
Einerlei marktgängiger Abfall-Bastelei. Zum Keinerlei.
Nicht jeder hat Talent zum Wahnsinn: In seinem letzten Brief aus Turin schrieb
Nietzsche an den Basler Professor Jacob Burckhardt, er wäre auch lieber
Professor geblieben als Gott zu werden. Aber er habe doch aus reinem Privat-Egoismus
die Schaffung der Welt nicht unterlassen können! Nietzsche unterschrieb
als «Dionysos, der Gekreuzigte». Und meinte: Burckhardt könne
mit diesem Brief jeden Gebrauch machen, der «mich in der Achtung der Baseler
nicht herabsetzt». Dabei meinte er mit rasender Ironie das Gegenteil.
Er wollte von der Basler Gesellschaft herabgesetzt und aus ihr ausgestossen
werden. Nietzsche wollte lebenslang aus Basel flüchten, Ball aus Zürich.
Und heute müssten die Künstler den Mut haben, auch aus Paris zu flüchten.
So der Titel von Balls Hauptwerk: «Die Flucht aus der Zeit».
An der Vernissage ist man umringt von Prominenz. Sieger unter Siegern. Der französische
Kulturminister nippt an einem Phallus-Champagner, und alle tragen jene Machtmaske
im Gesicht wie Nietzsches «letzte Menschen», die dauernd blinzeln
und sagen: «Ja, wir haben das Glück erfunden.» Ja, die Künstler,
Kuratoren und Kritiker in Paris, sie haben ihr Glück erfunden – und
blinzeln. Doch genau diese Selbstgefälligkeit gilt es im Namen von Dada
und Dionysos zu zerschlagen. Man müsste endlich den globalen Kunstbetrieb
vor den Kopf stossen. Denn die Revolution kann nicht in den Zentren der Macht
stattfinden. Das zeigt sich gerade im Centre Pompidou, wo nur die wenigen überzeugen,
die den Mut zur kleinen Geste hatten. Die Revolution wird wie Nietzsche zu Lebzeiten
nur hundert Leser haben. Widerstand am Rand, im Nirgendwo, im Nietzschewo.
Das Dionysische muss eben nicht mit einer Kotzorgie noch einmal überboten
werden. Kunst ist die Schule des Sehens und Fühlens. Gewiss: Zuerst muss
sie grob auftreten, mit Skandalen die herrschenden Sichtweisen zerschlagen,
damit wir aus der Starre erwachen. Doch diese Schocks haben schon lang gewirkt.
Sie sind selbst zur starren Sichtweise geworden. Neu wünscht man sich den
Mut zur Verletzlichkeit, Verwundbarkeit. Kunst ist keine Pariser Leistungsshow,
sondern Innenschau. Vielleicht wachsen fern vom Marktgetümmel junge Künstler
heran, die mit den Meinungsmachern und Mitmachern brechen und uns fern vom Kunst-Parkett
das ekstatische «Ausser-sich-Sein» von Dionysos lehren: Man erlebt
es dort, wo man sein altes Ich verlässt und ausser sich endlich einmal
ganz bei sich ist.
