Rezensionen

ZUR AUSSTELLUNG:

Neue Zürcher Zeitung, 15.12.2004, von: Daniele Muscionico

Kunst ist eine Legende
Zürich hat den Hirschhörnchen-Skandal im Dada-Haus

Wer glaubt, das mit staatlicher Hilfe wiederauferstandene Cabaret Voltaire sei bis dato eine Leiche geblieben, hat Recht - und muss nun umdenken: Die Leiche lebt! Eine Ausstellung von Com & Com erinnert an den irrwitzigen (Kunst-)Streit diesen Sommer in Romanshorn. Was Hirschhorn in Paris kann, können Zürichs Post-Dadaisten genauso.

Wo Kunst draufsteht, ist nicht unbedingt Kunst drin. Wer darüber empört ist, ist ein Heuchler, denn er behauptet, von den Strategien der Werbung unbeleckt zu sein. Kunst ist nichts anderes als das Werturteil, das sich durchgesetzt hat. Das weiss, wer ein Urinoir ins Museum bringt; das wussten die Dadaisten. In diesem Sinn ist auch der Künstler Thomas Hirschhorn ein unbewusster Dadaist, und man sollte ihm nahelegen, in Zürich Asyl zu beantragen. Denn was in den Ausstellungsräumen des Dada-Hauses - unter dem Bekenntnis «Provokation» - gegenwärtig zu sehen ist, davon könnte sich der Ungeliebte eine fette Scheibe abschneiden. Im reanimierten Cabaret Voltaire werden, erstmalig in der deutschen Schweiz, die Reliquien des (Kunst-)Streites präsentiert, der diesen Mai in Romanshorn zu einer Volksabstimmung geführt hatte - und daselbst zur höchsten Stimmbeteiligung aller Zeiten. Kunst, ein Demokratisierungsprozess.

Das Skandalon war eine hässliche Skulptur und trug einen Namen: Mocmoc - leicht entschlüsselbar als Com & Com (für Commercial Communication), 1997 von Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger als Label gegründet, das die vorhandenen Kommunikationswege parasitär benutzt, um Inszenierungen von Original und Fälschung zu placieren. «Andere malen auf Leinwände, wir produzieren Zeitungsartikel oder TV-News.» Der erste Film von Com & Com, «C-Files: Tell Saga», etwa war ein Trailer zu einem nicht existenten Spielfilm; er wurde 2001 an der Biennale in Venedig gezeigt, und der Song zum Video, koproduziert mit Dieter Meier, landete in den Top 10 der Schweizer Charts. Mit dem Mocmoc, den Com & Com im Rahmen eines öffentlichen Wettbewerbs für den neu gestalteten Bahnhofplatz in Romanshorn schufen, gelang ihnen 2003/04 - in den Medien - der internationale Durchbruch. Denn um den gelbgrünen Zwitter zwischen Pokémon und gehörnter Biene Maja (der schnell zum Liebling aller Schulkinder avancierte) etablierten Com & Com die Gründungslegende von Romanshorn - sie wurden dafür von Lokalhistorikern gerühmt und von Kommunalpolitikern beglückwünscht. Dass sich die Legende alsbald als freie Erfindung entpuppte, gehörte mit zum Rollenspiel der Agents Provocateurs und ihrer Strategie von Verführung und Manipulation.

Im Dada-Haus sind die verbrieften Restanzen der Mocmocschen Krisenkunst zu sehen: ein von Andreas Göldi gedrehtes Doku-Feature, präsentiert auf Kaugummi-rosa Sockel; Merchandising- Artikel wie Gummibälle, die Com & Com zuhauf hergestellt hatten, sowie Kinderzeichnungen, die ebenso inflationär im Klassenzimmer produziert wurden. Mocmoc wurde in Romanshorn innert Kürze zu einer starken Marke, doch wofür? Für den fehlenden Diskurs über Identität, Kunst und mediale Mechanismen? Für das Bedürfnis nach Geschichten, Phantasie, Freiräumen? Für die Macht von Dada? Com & Com zeigen, dass es ein Leben nach Hans Arp und Tristan Zara gibt. Und wenn im Februar 2005 in Zürich ein Kind auf den Namen «Dada» getauft wird (von Com & Com mit 10 000 Franken belohnt), braucht man sich um die Nachfolgeregelung an der Spiegelgasse vielleicht tatsächlich nur mehr kleine Sorgen zu machen.



Tages Anzeiger, Zürich, 18.12.04,von: Barbara Basting

Was wir heute von Mocmoc City lernen können
Die Dokumentation über ein Denkmal in Romanshorn: ein Geschenk für alle, die über Kunst und Demokratie nachdenken. Ideal auch für den Ständerat.

Nicht nur Hirschhorn, auch Romanshorn kann ein Lied davon singen, welch heftige und folgenreiche Diskussion Kunst auslösen kann, wenn sie mit öffentlichen Geldern finanziert wird – und noch dazu im öffentlichen Raum zu stehen kommt. Die Gemeinde lud 2003 die Künstler COM&COM (Johannes M. Hedinger, Marcus Gossolt) ein, ein Kunstwerk für den neuen Bahnhofvorplatz zu entwerfen. Die beiden, die sich schon zuvor im Kunsthaus Zürich und an der Biennale von Venedig 2001 mit den „C-Files: Tell Saga“ als versiert in der Konstruktion und Dekonstruktion von Legenden erwiesen hatten, schlugen als neues Identifikationssymbol für Romanshorn das „Mocmoc“ vor: ein putziges, aufgesockeltes Fabelwesen im Pokémon-Stil, dessen Name das Anagram des Künstlernamens bildet. Zum Mocmoc gehörte eine (erfundene) Gründungslegende, die auf einer CD verteilt wurde und charmant erklärte, wie Romanshorn zu seinem Namen gekommen war. Natürlich was das gelbe, leicht doof dreinblickende Mocmoc mit seinem Einhorn nicht das, was der „normale“ Bürger sich unter einem repräsentativen Denkmal für seine Heimat vorstellte. Dies, aber auch die schnelle (journalistische) Entlarvung der Legende als Fälschung liessen die Emotionen hoch kochen. Die Bürger fühlten sich von den Künstlern auf den Arm genommen, die verantwortlichen Politiker kamen in Bedrängnis. Das Mocmoc spaltete gar die lokale FDP; ihr Parteipräsident trat zurück.

Zuspruch von Volkes Stimme
Das waren Reaktionen, die die Künstler in dieser Heftigkeit nicht einkalkuliert hatten. Sicher, sie wollten nicht einfach nur eine Skulptur implantieren, sondern ein Marketing- und Merchandisinginstrument liefern sowie einen Diskussionsprozess einleiten. Aber die Volksabstimmung, zu der es im Frühjahr 2004 auf Initiative der SVP kam, hätte ins Auge gehen können. Die Partei hatte vorgeschlagen, das Mocmoc an einen unauffälligen Ort zu verbannen. Das erstaunliche Resultat der Abstimmung: 53,5 Prozent der Bevölkerung stimmten der prominenten Platzierung des Mocmoc beim Bahnhof zu, 46,5 Prozent waren dagegen. Die Wahlbeteiligung erreichte 56 Prozent, ein Allzeithoch für Romanshorn. Medienberichte, öffentliche Diskussionsrunden, vor allem der Einbezug der Kinder, die das Mocmoc ins Herz schlossen und in einem Malwettbewerb abkonterfeien durften, verstärkten die positive Identifikation ebenso wie die Mocmoc-Confiserie. Inzwischen sind die Romanshorner nicht nur durch ein originelles Markenzeichen, sondern vielleicht auch durch ein paar Lektionen in Selbstironie und im Umgang mit Kunst bereichert. Wer hätte gedacht, dass sie sich gar als Wirtschaftsgrundlage eignet, um Merchandisingprodukte herzustellen. Mocmoc gibt es inzwischen auf Tassen, T-Shirts, Mouse-Pads, als Maskottchen regionaler Festivals und sowie als Kunstmultiple. Natürlich ist die Mocmoc-Provokation, die neben kalkulierten Prozessen auch überraschende Reaktionen hervorrief, weitaus komplizierter als hier dargestellt. Dies wird einem spätestens bei der Lektüre der umfangreichen Dokumentation klar, die die Künstler, ausgebuffte Kommunikationsagenten auch in eigener Sache und damit typisch Vertreter der New Public Art, nun herausgegeben haben und mit Beiträgen zum Problemkreis „Kunst, öffentlicher Raum, Identität“ angereichert haben. Von Wolfgang Ullrich über Wolfgang Welsch, Walter Grasskamp und Boris Groys reichen die „big names“ der aktuellen Kunstdiskussion, die strategisch geschickt in die Anthologie aufgenommen werden, um das Mocmoc aufzuwerten.

Unterschiedliches Kunstverständnis
Aber neben dem theoretischen Überbau kommt auch die konkrete Fallstudie nicht zu kurz. Sibylle Omlin etwa, Expertin für Kunst und Bau, benennt heikle Aspekte der Intervention. Ihr zufolge war es „nicht der Neidfaktor (sprich: die Tatsache, Geld für Kunst auszugeben), der einen Teil der Bevölkerung in die Opposition trieb, sondern die Differenz von Insidertum (Kunstgremien) und Nichtwissen der Gemeinde“. Omlin legt den Finger auf den wunden Punkt vieler Debatten an der Schnittstelle von Kunst und Öffentlichkeit: Das Kunstverständnis der Experten und weniger spezialisierter Bevölkerungskreise klafft weiter auseinander als zuvor – und entpuppt sich, gerade wenn es ans Eingemachte, also ans Geld geht, als springender Punkt vieler Kulturdiskussionen. Der Mocmoc-Reader liefert dazu differenzierte und nicht nur bedingungslos positive Beiträge. So wird etwa die Instrumentalisierung der Kinder hinterfragt. Auch ist inzwischen klar, dass es keine gute Idee war, das Publikum nicht gleich offen zu informieren, dass die Gründungslegende frei erfunden war. Aber nun steht das Mocmoc auf seinem Sockel, und blöder als manch anderes Denkmal mit Ross und Reiter ist es ganz sicher nicht.

Das Cabaret Voltaire Zürich zeigt bis 23.1. eine Ausstellung zum Mocmoc.




ZUM PROGRAMM-THEMA "PROVOKATION:"

Tages-Anzeiger; 21.12.2004, mit Philipp Meier sprach Sascha Renner

«Stachel im trägen Fleisch sein»
«Provokation» lautet eine Reihe im Cabaret Voltaire. Direktor Philipp Meier über den Hirschhorn-Skandal, Balkan-Raser und seine missionarische Seite.

Philipp Meier, haben Sie sich in letzter Zeit provozieren lassen?
Natürlich ärgert mich der Hirschhorn-Skandal. Anderseits hat die Kürzung des Pro-Helvetia-Budgets den Diskurs unerhört beschleunigt. Das Künstlerduo COM & COM, das zurzeit im Cabaret Voltaire zu Gast ist, hat zu Recht gesagt, dass Hirschhorns Arbeit erst dann im Sinn der Provokation interessant wurde, als der Ständerat die Million gestrichen hat.

Eine Woche, bevor sich die Hirschhorn-Debatte entzündete, lancierten Sie den Themenschwerpunkt «Provokation». Haben Sie einen sechsten Sinn?
(Lacht) Das ist der Genius Loci, der uns das ständig einflüstert, wie schon beim Thema «Asylisation», mit dem wir das Haus Ende September eröffneten.

Damals ging es um die Stigmatisierung von Ausländern - und kurz zuvor war die Debatte um die «Balkan-Raser» losgegangen. Sie müssen zufrieden sein.
Ja, natürlich. Ich muss aber sagen: Ich habe mit COM & COM lange gestritten, ob wir «Provokation» als Titel nehmen wollen - weil dieses Haus eben gerade die Provokation impliziert.

Ist es überhaupt möglich, im «Dada-Haus» eine Provokation zu Stande zu bringen?
Davon bin ich überzeugt. Hätte Hirschhorns Ausstellung im Cabaret Voltaire stattgefunden, sie hätte ebenso hohe Wellen geschlagen, auch wenn die Stadt hier «nur» die Miete und nicht das Programm bezahlt. Es braucht nicht viel, dass die SVP Lärm macht. So gesehen ist es dankbar, von der öffentlichen Hand unterstützt zu werden, wenn man einen Diskurs ins Rollen bringen will.

Trotzdem ist es dem Cabaret Voltaire noch nicht gelungen, zu einer Plattform für die öffentliche Diskussion zu werden.
Die Gefahr ist gross, einer Medienlogik zu folgen und einem Aktionismus zu verfallen. Wir führen hier bereits einen Diskurs über Provokation - das will ich kommunizieren. Ich weiss, dass ich nicht nur Gefässe habe, die Massen anziehen. Bei der Budgetplanung habe ich deshalb bewusst auf Eintrittsgelder verzichtet, um nicht abhängig zu sein von Besucherzahlen.

Keine Eintrittsgelder, keine Bühne, offene Gefässe: Weiss das Publikum mit dieser neuen Form umzugehen?
Es ist verunsichert, was ich gut verstehe, weil ich selber noch am Ausloten bin. Unser Spektrum reicht von ganz musealen Geschichten - wie die Dadaize-Ausstellung im Keller - bis hin zur Baby-Aktion von COM & COM, wo Kunst sich auflöst in einem Lebewesen. Ich bezeichne dieses Haus gerne als «Breitbandnährmedium». Dieser Begriff aus der Biotechnologie meint einen Nährboden, der auf alles anspricht.

Es wird also wachsen, was von aussen hereingetragen wird?
Vielleicht wird es letztlich ein Ort sein, der offen ist und programmatorisch ohne klare Struktur auskommt. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass das Haus teilweise geschlossen wäre und die Arbeiten über die Medien und im öffentlichen Raum funktionierten. Zeitungen und Internet durchdringen unseren Alltag - diese Kanäle könnte man bespielen und unterwandern. So möchte ich gewohnte Denkstrukturen aufbrechen. Meine Arbeit wird mir immer dann suspekt, wenn sie massenkompatibel wird. Aber Achtung: Damit meine ich, wenn sie auch in einer intellektuellen Szene Massen anspricht. Im Prinzip versuche ich, der Stachel im trägen Fleisch zu sein. Und dieses träge Fleisch kann eine Klubkultur sein, eine intellektuelle Szene, eine Kunstszene oder eine Fashionszene. Ich will jedoch nicht mit einem Paukenschlag alle vor den Kopf stossen. Ich bin überzeugt, was ich hier mache, ist ein sehr solides und integratives Programm. Die Inhalte sind mir wichtig. Das Fundament muss massiv gebaut sein, damit man sich später umso weiter hinauslehnen kann.

Mit dem morgigen Balkan-Raser-Abend überzeichnen Sie in provokanter Weise Klischees. Ist das der richtige Weg, um Verständnis zu schaffen?
Es ist ein Risiko. Wenn der Hirschhorn-Skandal nicht gewesen wäre, hätte ich nicht angefangen, über Demokratie nachzudenken. Hirschhorn musste stark überzeichnen, damit es bei mir diese Reaktion ausgelöst hat. Insofern ist eine Provokation ein probates Mittel, die Leute anzustossen.

Haben Sie als Kurator ein Sendungsbewusstsein? Ihr Programm ist im Kern ein hoch moralisches.
Ich möchte die Leute erreichen, Themen lancieren, Diskussionen anregen. Mich interessiert Gesellschaft, und ich hadere auch immer wieder damit, dass Kunst etwas Besseres sein soll als der profane Alltag. Rund 80 Prozent der Bevölkerung suchten selten bis gar nie einen Kunst- oder Kulturort auf. In dieser Hinsicht bin ich missionarisch: Es interessiert mich, auf diese Leute zuzugehen. Vor einigen Jahren hat der Künstler Rirkrit Tiravanija eine nachgebaute Migros-Filiale ins Museum gestellt; da finde ich die reale Migros-Filiale einfach viel spannender.